Wir sind Lernende.
Stefan und ich, Jahr für Jahr, in allen Bereichen.
Der Garten, das Feld, die Wiesen, die Tiere, das Wetter, der Boden – alles ist anders. Immer und immer wieder. Dieses Leben, das wir als Selbstversorger, Bauer, Käser, Tierhüterin und Tierhüter, Seminarhaus-Köchin, als Gastgeberin und Gastgeber führen, lehrt uns zu allererst Demut. Und die Erkenntnis, dass es unendlich viele große und kleine Ereignisse gibt, auf die wir keinen Einfluss haben.
Es fordert die Akzeptanz des Todes, der untrennbar mit dem Leben verwoben ist – und der das Leben erst so unfassbar kostbar macht.
Eine unserer jungen Ziegen, die das erste mal Lämmer zur Welt gebracht hat – zwei bezaubernd schöne Lämmer, eines fit und wohlauf, das andere viiiiel zu klein und zu schwach, um zu leben. Eine Situation, in der wir gleichzeitig ein neues Leben begrüßen und feiern – während wir ein anderes verabschieden und gehen lassen müssen.
Ein Bruthuhn, das 16 Tage geduldig auf einem Nest voll Eiern sitzt, um dann vier Tage vor dem großen Schlüpfen einfach aufzuhören. Die kleinen Küken in den Eiern sind noch nicht lebensfähig – sie sterben, noch bevor sie richtig am Leben waren.

Unser Schafbock Leo, der beste Schafbock aller Zeiten – geduldig, liebevoll, verschmust, immer freundlich und genügsam – uralt und klapprig ist er am Ende gewesen, bevor er für immer eingeschlafen ist.

Die sechs kleinen Ziegenlämmer, die im April zur Welt gekommen sind und jetzt übermütig, top fit und voller Lebensfreude über die Weide toben, den Steinhaufen erklimmen, spielen und schlafen, fressen und wachsen und jeder und jedem, der sie sieht, so eine Freude machen!

Meine alte Maya, meine treue Hundegefährtin, die im September siebzehn Jahre alt wird. Dieses wilde Energiebündel, stets aufmerksam und hellwach, klug und umsichtig, Beschützerin unserer Tiere, zuverlässige Hüterin des Hoffriedens – jetzt steht sie nur noch selten auf, ist auf wackligen Beinen unterwegs, hört nichts mehr, lässt es sich noch gerne gut schmecken, aber ihre Lebenskraft versiegt von Tag zu Tag. Ich werde mich wohl bald endgültig von ihr verabschieden müssen.
Eine einzige, späte Frostnacht, die meine über Wochen liebevoll vorgezogenen Gemüsepflänzchen einfach zunichte macht. Eine Wühlmaus, die gleich drei Indigolupinen verspeist – und damit ein ganzes Beet blank hinterlässt.
Üppig bestückte Beerensträucher, die uns reich beschenken. Saftige Salatköpfe, die es irgendwie geschafft haben, ganz und gar von Schnecken verschont worden zu sein.
Eine so ausgeprägte Frühjahrstrockenheit, dass wir Ende April schon den Garten und die Aussaat auf dem Acker giessen und beregnen müssen.

Die wunderbaren Obstbäume, die so üppig in Blüte stehen, dass sie wie große weiße Blütenbälle aussehen. Sie locken die Bienen und Hummeln aus der ganzen Umgebung zum großen Hochzeitsfest der Natur!
Lernende des Lebens.
Liebende, Hegende, Pflegende, Staunende, Erkennende, Verstehende, Scheiternde, Bewundernde, Verzweifelte, Glückliche, Dankbare. Lernende des Lebens.