Die alten Heilerinnen

Es ist ein Frühlingstag im April, ich streife frühmorgens durch den Garten und freue mich über all die Pflanzen, die aus der Erde schlüpfen wie Küken aus einem Ei, um sich dann langsam zu entfalten. Es sind lieb gewonnene Freundinnen und das Wiedersehen mit ihnen nach dieser langen Winterzeit lässt mein Herz vor Freude höher schlagen.

Seit Jahren versammle ich sie hier – die alten Heilerinnen. Kaufe Pflänzchen in Spezialgärtnereien, verteile sie an verschiedenen Stellen im Garten, damit sie selbst entscheiden können, wo die Bedingungen am besten sind. Und da wachsen sie dann, entfalten ihre wilde Kraft und Schönheit, blühen und reifen – und wenn es ihnen gefällt, dann kommen sie auch im nächsten Jahr wieder.

Auf diese Weise füllt sich unser Garten mit Schätzen – Engelwurz und Tollkirsche, Mädesüss und Beifuss, Arnika und Beinwell, Mariendistel und Frauenmantel. Und dann gibt es natürlich auch all die großen Heilerinnen, die schon da waren und überall üppig wuchern: Brennessel, Löwenzahn, Giersch, Schafgarbe und Spitzwegerich.

Sie alle treten ein in den Kreislauf aus Wachsen und  Werden, aus Blühen und sich in die eigene Kraft entfalten, Fruchten und Reifen – um dann wieder zu vergehen und sich zurück zu ziehen, tief ins Dunkel der Erde abzutauchen bis zum nächsten Frühling, zum nächsten Schlüpfen, bereit für den nächsten Kreis.

Mit großer Neugierde habe ich zunächst viel über heimische Heilpflanzen gelesen, online-Kurse besucht und dann eine Ausbildung in Kräuterkunde gemacht – begeistert und fasziniert von all den Wirkungsweisen für Mensch und Tier.

Ich habe Salben gerührt und Tinkturen angesetzt, hab‘ die Essenz der Pflanzen eingenommen und erforscht, was sie mit mir machen. Meine Hausapotheke ist gefüllt mit Pflanzenmitteln gegen Kopfschmerz, fiebrige Infekte, Verletzungen und Entzündungen, zur Stärkung der Leber und für erholsamen Schlaf.

Viele Wildpflanzen sind in unserem Alltag leckerer Bestandteil der Mahlzeiten.

Mehr und mehr spüre ich, dass es gar nicht notwendig ist zu Extrahieren, Tinkturen und dergleichen herzustellen, denn die Pflanzen wirken bereits durch ihre Präsenz!

Engelwurz Mai 2026
Engelwurzen vor der Blüte

Wenn ich mich mit der Engelwurz verbinde, dann spüre ich Kraft und Klarheit, bin zentriert und aufgerichtet, gut verwurzelt und geistig offen.

Das Mädesüss beruhigt und tröstet mich, sie kühlt meinen überhitzten Verstand und erinnert mich daran, im Hier und Jetzt zu sein.

 

Beim Beifuss tanke ich Lebenskraft, wilde Lebenslust und die Fähigkeit, überall und immer zu wachsen.

Die Tollkirsche ist ein Nachtschattengewächs, eine dunkle Königin, die besonders auffällig „ihren“ Platz suchte in unserem Garten. Sie wanderte über mehrere Beete hinweg, suchte verschiedene Plätze auf und hat dann inmitten einem Feld von Bärlauch unter einem alten Apfelbaum ihr Königreich errichtet: Hier wird sie drei Meter hoch mit einem ebensolchen Durchmesser, blüht in dunklem Violett und bringt unzählige schwarze Kirschen hervor. Die gesamte Pflanze und ihre Früchte sind für Menschen und alle Säugetiere giftig, aber für die Vögel sind sie ein gesunder Leckerbissen.

Tollkirsche im Mai 2026
Blüte der Tollkirsche

Sie zeigt mir wie es ist aus dem Herzen heraus zu leben, mit ganzer Kraft, Königin meines Lebens zu sein und meinen Platz einzunehmen. Sie muss nicht gefallen, muss nicht um jeden Preis geliebt werden.

Frauenmantel an einem Regentag

Der Frauenmantel umhüllt und lindert Entzündungen noch bevor sie in den Körper sinken. Die schützenden, behaarten Blätter sind weich und geschmeidig und tragen jeden Morgen eine kostbare Perle – die wässrige Essenz der Pflanze, der sich im Kelch des Blattes sammelt. Sie ist pure Hingabe und vermittelt das Vertrauen darauf behütet zu sein, die weibliche Qualität zu Empfangen und die Perle des Lebens auszutragen.

Diese Pflanzen sind alte Heilerinnen und Lehrerinnen, die geduldig darauf warten, dass wir Menschen bereit sind still zu werden, zu lauschen und zu spüren. Bis wir bereit sind zu lernen und zu heilen.

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