Wer wie ich im katholischen Glauben erzogen wurde, wuchs mit einer Schöpfungsgeschichte auf, in der wir Menschen aus dem Paradies verstoßen wurden weil wir unseren „Vater“ erzürnt haben. Eine Geschichte, in der wir durch den Wunsch nach ERKENNTNIS in Ungnade fallen. In der wir mit Erbsünde „besudelt“ geboren werden und nur durch die priesterliche Taufe und indem wir uns Zeit unseres Lebens mächtig anstrengen „das Richtige“ zu tun, eventuell gerettet werden. Ich hörte die Geschichte von der Erde als „Jammertal“ und dem Himmel als „Erlösung“.
Ich weiß nicht WIE oft ich mir in der Kirche als Kind auf das Brustbein klopfte (wie alle um mich herum) mit den Worten „durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld“. Oder betete, dass ich „nicht würdig bin, dass Du eingehst unter mein Dach“.
Es ist ein Drama.
Schon lange habe ich diese Kirche verlassen. Und schon lange bin ich dabei, diese Prägung Schicht für Schicht aufzulösen.
Und dann lese ich in dem Buch „Geflochtenes Süssgras“ eine ganz andere Schöpfungsgeschichte! Es ist eine indigene Geschichte, wie sie sich zum Beispiel die Onondaga-Nation erzählt. Eine Geschichte, in der die Welt aus dem Zusammenwirken von Mensch und Tier, von Erde und Wasser entsteht, von der Himmelsfrau ertanzt wird, getragen von Dankbarkeit und Verbundenheit.
Wie anders wäre wohl unser aller Lebensgefühl, würden wir mit einer solchen Geschichte aufwachsen?
Wie anders wäre unser Umgang mit der Natur, wenn wir von klein auf erzählt bekämen, dass unser aller Leben auf Verbundenheit beruht?
Der Sturz der Himmelsfrau
Nach mündlicher Überlieferung sowie Shenandoah und George, 1988. Aus dem Buch „Geflochtenes Süssgras“ von Robin Wall Kimmerer:
Der Winter, wenn die grüne Erde unter einer Schneedecke zur Ruhe gebettet ist, ist die Zeit der Geschichten. Zu Beginn ruft der Erzähler diejenigen auf, die vor uns gegangen sind und die Geschichten an uns weitergegeben haben, denn wir sind nur Boten.
Am Anfang war die Himmelswelt.
Die Himmelsfrau fiel kreiselnd wie ein Ahornsame vom Herbsthimmel. Durch ein Loch in der Himmelswelt ergoss sich eine Säule aus Licht und erleuchtete ihren Weg durch die Dunkelheit. Ihr Fall dauerte eine kleine Ewigkeit. Aus Angst, oder vielleicht aus Hoffnung, umklammerte sie ein Bündel in ihrer Hand.
Wie sie so abwärts trudelte, sah sie unten nur dunkles Wasser. Doch aus dieser Leere starrten viele Augen hinauf in den plötzlichen Lichtstrahl. Sie sahen etwas Kleines darin, ein Staubkorn in dem hellen Streifen. Als es näher kam, erkannten sie eine Frau, die Arme ausgebreitet, hinter ihr eine Fahne von langem schwarzem Haar, während sie auf sie zu kreiselte.
Die Gänse nickten einander zu und erhoben sich gemeinsam aus dem Wasser, in einer Welle von Gänsemusik. Sie spürte ihren Flügelschlag, als sie unter sie flogen, um sie aufzufangen. Weit weg von dem einzigen Zuhause, das sie je gekannt hatte, kam sie in der warmen Umarmung weicher Federn, die sie sachte nach unten trugen, wieder zu Atem. Und so fing alles an.
Die Gänse konnten die Frau nicht lange über dem Wasser halten und beriefen einen Rat ein, um zu beschließen, was zu tun war. Auf ihren Flügeln ruhend, sah sie, wie alle sich versammelten: Eistauchter, Otter, Schwäne, Biber, alle möglichen Fische. Da schwamm eine große Schildkröte in die Mitte und bot ihr ihren Rücken als Ruheplatz an. Dankbar trat sie von den Gänseflügeln auf die Kuppel des Schildkrötenpanzers. Die anderen begriffen, dass sie Land als Heimat brauchte, und berieten, wie sie sie dabei unterstützen könnten. Die Tieftaucher unter ihnen hatten sagen hören, am Grund des Wassers gebe es festen Schlamm, und erklärten sich bereit, davon zu holen.
Als Erster tauchte ein Eistaucher, aber es war zu weit, und nach einer langen Zeit kam er wieder herauf, ohne etwas mitgebracht zu haben. Einer nach dem anderen boten die anderen Tiere ihre Hilfe an – Otter, Biber, Stör -, aber Tiefe, Dunkelheit und Wasserdruck überforderten noch die kräftigsten Schwimmer unter ihnen. Keuchend kamen sie wieder, ihre Ohren brausten. Manche kamen auch gar nicht wieder. Bald war nur noch die kleine Bisamratte übrig, der schlechteste Taucher von allen. Unter den zweifelnden Blicken der anderen meldete sie sich zum Tauchgang. Ihre kleinen Beinchen ruderten wild, als sie sich in die Tiefe arbeitete, und sie blieb sehr lange fort.
Alle warteten und warteten auf seine Rückkehr. Manche fingen an, das Schlimmste für ihren Verwandten zu befürchten. Schließlich stieg ein Strom von Blasen herauf und trug Bisams kleinen, schlaffen Körper an die Wasseroberfläche. Er hatte sein Leben gegeben, um diesem unbeholfenen Menschen zu helfen. Doch da fiel den anderen auf, dass seine Pfoten etwas umklammerten, und als sie sie öffneten, lag darin eine kleine Handvoll Schlamm. Die Schildkröte sagte: „Hier, legt ihn auf meinen Rücken, ich trage ihn.“
Die Himmelsfrau beugte sich vor und verteilte den Schlamm mit den Händen auf dem Panzer der Schildkröte. Gerührt von den außerordentlichen Gaben der Tiere sang sie ein Dankeslied und begann zu tanzen, ihre Füße streichelten die Erde. Das Land wuchs und wuchs unter ihrem Dankestanz, von dem Klecks Schlamm auf dem Rücken der Schildkröte, bis die ganze Erde geboren war. Nicht von der Himmelsfrau alleine, sondern aus der Alchemie aller Gaben der Tiere, gepaart mit ihrer tiefen Dankbarkeit. Gemeinsam hatten sie geschaffen, was wir heute Turtle Island nenne, die „Schildkröteninsel“, unsere Heimat.
Als guter Gast war die Himmelsfrau nicht mit leeren Händen gekommen. Noch immer umklammerte ihre Hand das Bündel. Beim Sturz durch das Loch in der Himmelswelt hatte sie die Hand gereckt, um sich am Baum des Lebens festzuhalten, der dort wuchs. Dabei hatte sie Zweige, Früchte und Samen aller möglichen Pflanzen mitgenommen. Sie verstreute sie auf dem neuen Boden und umhegte jeden sorgsam, bis die Welt nicht mehr braun, sondern grün war. Durch das Loch aus der Himmelswelt ergoss sich Sonnenlicht und half den Samen beim Keimen. Überall sprossen Wildgräser, Blumen, Bäume und Heilkräuter. Und da jetzt auch die Tiere üppig zu fressen hatten, ließen sich viele von ihnen bei ihr auf der Schildkröteninsel nieder
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Wenn wir Süssgras flechten, flechten wir Mutter Erde’s Haar, zeigen ihr unsere liebevolle Umsicht, unsere Sorgen um ihre Schönheit und ihr Wohlergehen, und unsere Dankbarkeit für alles, was sie uns gibt. Kinder, die die Geschichte von der Himmelsfrau von Geburt an hören, wissen bis tief ins Innerste um die gegenseitige Verpflichtung zwischen Mensch und Erde.