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Lehrling in eigener Sache

Vor ein paar Jahren hat mir eine liebe Freundin und Astrologin prophezeit, dass ich beruflich noch einmal komplett Lehrling sein werde. Ich konnte mir damals beim besten Willen nicht vorstellen, wie es dazu kommen könnte! Mit Permakultur, Selbstversorgung, Gemüseanbau hatte ich da noch nix am Hut.

Aber jetzt ist es genau so: Ich bin Lehrling, „blutiger“ Anfänger.

Seit fünf Jahren widmen wir uns intensiv und mit wachsender Begeisterung dem Gemüsegarten. Als wir damit begonnen habe, war ich unglaublich optimistisch: ich hatte keinen Zweifel daran, dass es genügt, Samen im Frühling in die Erde einzubringen, sie regelmäßig zu giessen und dann üppig zu ernten.
Naiv. Fast schon dumm 😉

Stefan hat da einen enormen Vorteil – er ist schon immer Bauer, er stammt aus einer Familie, in der es selbstverständlich war, einen Großteil der Lebensmittel selbst anzubauen. Er ist der Garant dafür, dass unsere Tiere zuverlässig Futter haben, dass es genug Kartoffeln und Getreide für uns gibt und dass aus unserer Milch köstlicher Käse wird.

Der Gemüseanbau hingegen ist auch für Stefan Neuland und so wird uns mit jedem Mißerfolg klar, wie viel Erfahrung und Wissen uns fehlt. Wie viel es zu beachten gibt, wie sehr ein erfolgreicher Gemüseanbau auf jahre- und jahrzehntelanger Erfahrung beruht.

Meiner Meinung nach handelt es sich dabei um fundamental wichtiges Wissen, um  unentbehrliches Können, um ein absolutes BASIC der menschlichen „Ausbildung“. Saatgut gewinnen, Nahrungspflanzen anbauen, Ernten, Konservieren – wir haben zugelassen, dass uns diese Fähigkeiten abhanden kommen, wir ließen zu, dass wir vom Selbstversorger zum abhängigen „Konsumenten“ wurden.

Die Produktion unserer Lebens-Mittel ist zu einem großen Teil in der Hand einiger weniger Konzerne. Durch ihre enorme Marktmacht erzwingen sie Erzeugungspreise, die den Bauern kaum zum Überleben reichen – vor allem auf der südlichen Halbkugel. Die Folge sind Massentierhaltung, Bodenerosion, Hunger und Überschuldung von Kleinbauern in aller Welt.  Hier ein paar Daten und Facten dazu:

OXFAM-FACT SHEET
LEBENSMITTELKONZERNE & LANDARBEITER/INNEN
EXTREME DES GLOBALEN ERNÄHRUNGSSYTEMS

  • Weltweit werden genügend Lebensmittel produziert, um alle Menschen zu ernähren.
  • Ein Drittel der Nahrungsmittel werden jedoch verschwendet.
  • Mehr als 1,4 Milliarden Menschen sind übergewichtig und mindestens 868 Millionen Menschen gehen jede Nacht hungrig zu Bett.
  • Die zehn größten Lebensmittel- und Getränkehersteller sind:
    Associated British Foods, Coca-Cola, Danone, General Mills, Kellogg‘s, Mars, Mondelez International (ehemal Kraft Foods), Nestlé, PepsiCo und Unilever
  • Sie nehmen zusammen mehr als 1,1 Milliarden Dollar am Tag ein
  • Jede Sekunde trinken Menschen weltweit mehr als 4000 Tassen Nescafé und 19400 Coca-Cola-Getränke.
LANDARBEITER/INNEN
  • Mehr als eine Milliarde Menschen arbeiten in der Landwirtschaft, das sind fast 35 Prozent der weltweiten Arbeitskräfte. Die Landwirtschaft ist die zweitgrößte Beschäftigungsquelle der Welt.
  • Die Mehrheit der an Hunger leidenden Menschen, arbeitet in der Lebensmittelproduktion. Bis zu 80 Prozent der Menschen, die als „chronisch hungrig“ bezeichnet werden, sind Landarbeiter/innen oder Landwirt/innen.
  • Würde man die Ernährungssicherheit der armen Landbevölkerung verbessern, hätte das einen wesentlichen Einfluss auf die Beseitigung des Hungers weltweit.
  • 53 Prozent der weltweit 215 Millionen Kinder, die arbeiten müssen, sind in der Landwirtschaft tätig.

Die beste Antwort, die wir auf diese haarsträubenden „Mißstände“ finden können, ist die Selbstversorgung. Der Ausstieg aus diesem System – er geschieht nicht von jetzt auf gleich. Es ist eine langsame Bewegung, die Geduld und Lernbereitschaft verlangt. Es ist auch eine Art „Entzug“ – in Zeiten von „1-Klick-Bestellungen“ via Amazon ist das Sofort-Haben-Können unglaublich verlockend. Wir müssen unsere Ernährungs- und Kochgewohnheiten umstellen – nicht die Frage „was möchtest Du heute gerne Essen?“ entscheidet den Speiseplan, sondern die Fülle im Garten, die Ernte- und Lagerzeiten.

Es ist die Freude über jedes Stück Freiheit, das wir gewinnen – mit unseren eigenen Kartoffeln, mit vermehrungsfähigem Saatgut, mit gesundem Obst, Gemüse und Salat aus unserem Garten, die Dankbarkeit für jeden Liter Milch von unseren Tieren – die durch nichts zu übertreffen ist.
Es ist der Genuss köstlicher Lebens-Mittel, die einfach unbeschreiblich gut schmecken.

„Lass‘ die Freude Dein Wegweiser sein!“
In diesem Sinne sind wir gerne
„Lehrlinge in eigener Sache“.